Meditationsimpuls der Woche
Die Bedeutung des Umgangs mit der Wahrheit
Impuls zur Meditations-Woche vom 11. Mai 2026 bis 17. Mai 2026
Was uns zusammenhält, ist die Wahrheit.
Impuls: Die Bedeutung des Umgangs mit der Wahrheit
Die Aussage zum Zusammenhalt einer Gesellschaft durch die Wahrheit stammt nicht von einem religiösen Führer oder einer moralischen Autorität aus alten Zeiten, sondern von dem CBS-Journalisten Wyatt Andrews, der zurzeit des Atomunglücks von Tschernobyl Ende April 1986 Korrespondent in Moskau war. Seine Aussage macht er in einer beeindruckenden Dokumentation, die in der Mediathek bei ARTE zu sehen ist. Ich habe diese Dokumentation, die aus Anlass des 40. Jahrestages des Unglücks gedreht worden ist, kürzlich mit meiner Frau gesehen. Sie ist an vielen Stellen höchst deprimierend, aber doch auch sehr lehrreich.
Auch der damalige CIA-Nuklearanalytiker Ray Richardson kommt am Ende dieser Dokumentation zu einem sehr einfachen Schluss, wenn er sagt: „Meinen Enkelkindern würde ich sagen: Seid ehrlich! Egal wie schlimm die Situation auch sein mag, durch Lügen wird sie nur noch schlimmer.“ Und seine Schlussfolgerung für die Gesellschaft als Ganzes ist ebenfalls hoch aktuell. Sie lautet in seinen Worten: „Die Geschichte von Tschernobyl ist heute relevanter denn je. Denn die Ursache des Unfalls liegt in einer Regierung und einer Gesellschaft, die jeden Bezug zur Wahrheit verloren hat.“
Wie kann es sein, dass die Wahrheit derart an Bedeutung verliert? Mein guter Vater, der das Sowjetsystem in- und auswendig kannte, hat frühzeitig darauf hingewiesen, wie die Lüge dort systematisch genutzt wurde, um das politische System zu „stabilisieren“ und vermeintliche wirtschaftliche Vorteile zu erreichen. Aber dauerhaft konnte das nicht gutgehen. So hat er vorausgesagt, dass das System an seinen eigenen Widersprüchen zusammenbrechen würde. „Lügen haben kurze Beine“, so heißt es, und der Zusammenbruch ist dann schneller gekommen als erwartet. Allerdings war auch nicht zu erwarten, dass die Folgen von Lüge und Verblendung – Hass, Unterdrückung und Krieg – uns in Europa so rasch wieder herausfordern würden. Und auch in unserer freien Gesellschaft scheinen wir uns mit der Wahrheit ja leider zunehmend schwerzutun. Zum eigenen Vorteil verbogene Wahrheiten und Lügen schaukeln sich allzu oft gegenseitig hoch. Das ist nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich so, sondern auch zwischen den Ländern und Systemen. Wie lange kann das gutgehen, und was können wir tun?
Überleitung in die Stille
Wichtig ist, dass wir zunächst einmal den Bezug zu unserer eigenen Wahrheit nicht verlieren, diese erkennen, annehmen und dann auch – mit Geduld – die Lage zu verbessern suchen. Auch unsere eigene Wahrheit mag zunächst beunruhigend sein; aber auch da gilt in gewisser Weise die Erfahrung von Tschernobyl: Wenn wir weglaufen oder uns „einen in die Tasche lügen“, wird es nicht besser. Stattdessen können wir auf die Stille vertrauen, die uns lehrt, die Dinge tiefer zu sehen: Die Stille zeigt uns den Weg zur Wahrheit. Die Wahrheit macht uns frei; sie lässt uns gesunden und schenkt uns Kraft für das, was zu tun ist – für uns selbst und für andere.
Ma-ra-na-tha – komm, Herr…